Praktika
Nach einer knisternd-spannenden Lesung mit Dr. Birgit Biehl am 4. Juli 2012 im Landauer Kesselhaus (siehe auch Reportage der Rheinpfalz vom 7. Juli 2012 hier), hat Kerstin Theilmann, die Presse-Referentin unserer Uni, ein spannendes Interview mit der Leiterin des Gani-Dah Hilfsprojektes und der Betreuerin Landauer PraktikantINNen in Mali in 2009 und 2013 geführt. So lernt man am besten, worauf man sich im Studium freuen kann!

„Vielen Hilfsprojekten fehlt es an Nachhaltigkeit“
Birgit Biehl hat vor einigen Jahren ein Entwicklungsprojekt in Mali ins Leben gerufen, mit dem die Landauer Universität kooperiert. Sie war viele Monate zu Fuß in Afrika unterwegs, spricht mehrere afrikanische Sprachen und ihre bislang unter dem Pseudonym Chris Marten erschienenen Romane behandeln afrikanische Themen. Kerstin Theilmann sprach mit der engagierten Entwicklungshelferin und Romanautorin über die Herausforderungen der Entwicklungsarbeit, über Literatur als Bildungsarbeit und ihre Faszination für Afrika.
Frau Biehl, man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, der Schwarze Kontinent hat Sie in seinen Bann gezogen. Warum?
Das sind die Dinge, die man im Leben ganz sicher nicht rational erklären kann. Das ist eine unerklärliche Faszination. Vielleicht ist einer meiner Urahnen ja Afrikaner gewesen. Ich habe auch viel zu dem Thema studiert, Afrikanistik in Köln zum Beispiel. Je mehr man über die unglaubliche Vielfalt dieses Kontinents weiß, desto stärker zieht er einen in seinen Bann.
Sie haben sich auf den Kontinent vorbereitet, viel darüber gelesen. Als Sie dann endlich das erste Mal vor Ort waren, hat das, was Sie vorgefunden und erlebt haben, Ihren Erwartungen entsprochen?
Vieles entspricht natürlich den Erwartungen gerade in dem nachvollziehbaren kulturellen oder auch im religiösen Bereich. Aber die physische Erfahrung der Verschiedenheit der Völker, der Härte der Natur und des Klimas ist schon ein starkes Erlebnis. Dazu zählt auch, dass man lernen muss zu überleben: Das ist eine tiefgreifende Erfahrung.
Wie haben Sie sich denn darauf vorbereitet? Kann man das in unseren Breitengraden überhaupt?
Nein. Das sind Urerfahrungen, die man vor Ort von den Einheimischen vermittelt bekommt: mit der Natur, mit den Tieren, mit der Sonne, mit dem Klima zu lernen Da steigt man sehr schnell von seinem europäischen Sockel herunter und fühlt sich keineswegs den Menschen dort überlegen.
War es denn einfach, mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen und von ihr zu lernen?
Für mich ja. Und für die Menschen dort auch, weil ich – und da kommt wieder das Wissen ins Spiel – keine gröberen kulturellen Fehler gemacht habe, weil ich schon von Anfang an mich einigermaßen gut verständlich machen konnte und ganz offensichtlich keine Vorurteile hatte oder mich überlegen fühlte. Respekt und Vertrauen zueinander sind Voraussetzungen und deswegen hat das in ganz anrührender Weise immer gut funktioniert.
Sie haben sehr viele positive Aspekte angesprochen, die Sie in Afrika erlebt haben. Sie haben auch viele traurige Dinge gesehen, wie Armut und Elend, was Sie dazu bewogen hat, Ihr Entwicklungsprojekt zu starten. Haben Sie sehr schnell daran gedacht zu helfen?
Ja, und da habe ich noch nicht mal wirklich nachgedacht. Man kann sich nicht mehr entziehen, wenn man das gesehen hat, was ich gesehen habe. Und der Impuls „Ich muss jetzt etwas tun“ ist so stark gewesen, dass ich es wirklich auch getan habe. Dann folgte die lange, ausführliche Überlegung: „Was genau tue ich?“, „Wie mache ich es?“ Man muss schließlich über Jahre große Netzwerke aufbauen, man muss Fundraising betreiben und Ähnliches. Das sind sehr viele rationale und typisch europäische Überlegungen, aber dieser Impuls, dass ich jetzt nicht wieder weggehen kann, ohne etwas zu tun, war ein sehr starker Auslöser.
Wie fiel denn die Wahl auf das Dorf Gani-Dah, dem Sie durch Ihr Entwicklungsprojekt dazu verholfen haben, wieder ein florierender Marktflecken zu werden?
Ich bin durch so viele Länder Afrikas gekommen, es hätte auch jedes andere Land und jedes andere Dorf sein können. Aber durch eine sehr intensive persönliche Beziehung zu dem Direktor der dortigen Schule, den ich an ganz anderer Stelle kennen gelernt hatte, hatte ich die Sicherheit mit einer zuverlässigen Mannschaft vor Ort. Der Direktor und seine Lehrer haben in unserem Sinne weitergearbeitet, wenn wir nicht da waren.
Sicherlich ist es als weiße europäische Frau in Afrika nicht immer einfach, sich durchzusetzen. Wie schaffen Sie das? Wo nehmen Sie die Kraft her?
Das ist eine gute Frage. Ich habe den sehr, sehr starken Impuls, das zu schaffen. Es ist eine unglaubliche Herausforderung. Man ist am Ende der Welt unter den einfachsten und wirklich schwierigsten Bedingungen. Aber der Ehrgeiz ist gewachsen, dass wir das gemeinsam schaffen. Und heute ist das Projekt in einem Stadium, das man weltweit vorzeigen kann.
„Wir schaffen das zusammen“ – Ist das das Erfolgsrezept Ihres Projektes, dass Sie den Menschen vor Ort nicht eine Idee übergestülpt, sondern mit ihnen gemeinsam entwickelt haben?
Das war sogar entscheidend. Wir haben immer auf Augenhöhe gearbeitet. Nie ist da etwas übergestülpt worden, sondern in nächtlichen Diskussionen mit den Frauen und mit den Männern sind die Bedürfnisse erst formuliert und die Möglichkeiten diskutiert worden, was man auf welche Weise machen kann. Die Dorfbevölkerung war immer beteiligt.
Es hat ja nicht jeder die Möglichkeit wie Sie, ein eigenes Entwicklungsprojekt auf die Beine zu stellen. Was kann aber dennoch jeder Einzelne tun, um zu helfen?
Anteilnahme ist hier in Deutschland und Europa genauso wichtig wie dort am Ort. Es kann nicht jeder vor Ort arbeiten wie ich. Aber jeder kann sich beteiligen zum Beispiel an Patenschaften für arme Kinder, für Waisenkinder, damit auch die regelmäßig zur Schule gehen können. Da ist von außen eine Menge Hilfe nötig. Spenden brauchen wir immer. Und unsere Projekte sind sehr transparent. Jeder kann genau sehen, was in Gani-Dah geschieht. Wir haben so gut wie gar keine Verwaltungsausgaben. Alles was gespendet wird, kommt vollständig an.
Leider kommen größere Hilfsorganisationen wie auch die Regierungen vor Ort immer mal wieder in Verruf und man befürchtet, das gespendete Geld kommt nicht bei den Bedürftigen vor Ort an.
Ich habe auf meinen zahllosen Wegen durch Afrika sehr viele gescheiterte und verlassene Hilfsprojekte gesehen. Da fehlte es an Nachhaltigkeit. Es ist zu viel Geld abgezweigt worden, so dass zu wenig Zement im Sand war und Gebäude nach kürzester Zeit wieder in sich zusammen fielen. Die Bevölkerung ist da nicht intensiv ausgebildet worden, weil die meisten Projekte in kürzester Zeit mit einem großen Geldsegen von oben aufgezogen werden. Das Entscheidende an dieser Nachhaltigkeit ist ja gerade, immer wieder zu kommen und immer wieder Fehler zu beseitigen und die nächsten Nachwachsenden auszubilden, etwa an Geräten, die man gebracht hat. Das Scheitern ist dann vorprogrammiert, wenn zu viel Geld in zu kurzer Zeit fließt und keine Nachbereitung, keine Anteilnahme am Ort zu sehen ist. Und das trifft dann leider häufig die großen Organisationen.
Neben mangelnder Nachhaltigkeit sind große Probleme in Afrika Hunger, Dürre, Krankheit, aber auch die Flucht junger Menschen größtenteils mit guter Ausbildung, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben den strapaziösen und lebensgefährlichen Weg nach Europa auf sich nehmen. Kann man sagen, was Afrikas größtes Problem ist?
Die elementaren physischen Bedürfnisse wie die Aufhebung von Krankheit und Hunger sind relativ leicht zu erfüllen. Was langfristig angelegt werden muss, ist die Verbesserung der Grundbildung und der Ausbildung. Eine Entwicklung ist erst dann möglich, wenn man wie in Mali von 80 Prozent Analphabetismus herunterkommt, wenn der Staat dann die Möglichkeit schafft, die Wirtschaft anzukurbeln, damit jungen Menschen Arbeit gegeben werden kann. Denn dann wird es nicht mehr nötig sein, dass sie ihr Land verlassen.
Das dürfte ein langer Weg sein. Wo sehen Sie denn die Regierungen der Industriestaaten und der Entwicklungsländer in dieser Beziehung in der Pflicht?
Die Entwicklungspolitik hat sich in den letzten zehn Jahren doch deutlich auf so eine Verbesserung hin entwickelt. Entwicklungsarbeit meint heute häufig gar nicht mehr Abkommen zwischen Regierungen, sondern tatsächlich eher die Förderung von kleineren und sehr viel effizienteren Projekten, wie wir sie machen. An so etwas wie einem Schulneubau wie in unserem Dorf hängt ja unendlich mehr: Daran hängt, dass junge Menschen Bildung haben wollen, dass sie weniger Kinder bekommen werden aufgrund ihrer Bildung, dass die Ernährungslage sich deutlich verbessert, dass ökologischer gehandelt werden kann usw. Die Förderung der Grundbildung, wie sie auch von der Bundesregierung ausdrücklich mitfinanziert wird, führt langfristig zu einer Veränderung der Gesellschaft im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung.
Also Bildung als Schlüssel gegen Armut?
Für uns ist Bildung gerade in dieser Region der absolute Schlüssel nicht nur gegen Armut, sondern auch für Öffnung der Gesellschaften, für das Ablegen negativer Traditionen wie der Mädchenbeschneidung zum Beispiel.
Die Beschneidung ist ein Thema in Ihrem neuen Roman „Todespfad“. Andere Themen sind etwa afrikanische Stammesrituale oder Flüchtlingsströme. Was möchten Sie mit Ihren Büchern erreichen? Pure Unterhaltung oder Sensibilisierung für die wichtigen Themen in Afrika?
Das ist nicht wirklich ein Gegensatz. Ich glaube, dass eine Sensibilisierung für die Wirklichkeit dieser Länder gerade dann gut stattfinden kann, wenn es über den Faktor Unterhaltung geschieht. Unterhaltung bedeutet für mich, die Leser über das Schicksal von Menschen in eine Spannung zu ziehen und gleichzeitig Ursachenfelder aufzuzeigen.
Ihre Literatur ist also auch ein Stück Bildungsarbeit?
Für mich ist es immer sehr beeindruckend, Lesungen abzuhalten, weil man in den Gesichtern der Zuhörer wirkliche Erschütterung sehen kann über das, wovon die Rede ist. Sie fragen auch nach, was man tun müsste, Aspekte für Perspektiven werden diskutiert. Da sehe ich den Zweck solcher Lesungen vollkommen erreicht.
Haben Sie aus den Gesprächen mit den Zuhörern das Gefühl, dass nachhaltig etwas bewegt wird? Oder hört man sich alles nur an und geht dann nach Hause und führt sein kommodes Leben weiter?
Ein kommodes Leben aufzugeben, das verlangt sicherlich einiges mehr. Was ich aber sehe ist, dass Vorurteile aufgebrochen werden können. Gerade zur Frage der Mädchenbeschneidung: Es ist sehr leicht für uns deutsche Frauen zu sagen, das ist ja entsetzlich, da sind wir dagegen, warum tut denn keiner was dagegen. Wenn ich dann aber zeigen kann, dass es für afrikanische Gesellschaften noch schlimmer ist, nicht beschnitten zu sein als Frau, und wenn ich dann zeigen kann, was geschieht, wenn Mädchen nicht beschnitten werden, dann sieht man doch Zweifel und Erschütterung und das Aha-Erlebnis, Wissen gewonnen zu haben und differenzierter Probleme angehen zu können. Die Wirkung habe ich sehr häufig beobachtet.
Ein weiteres Thema in „Todespfad“ ist das unterschiedliche Rechtsempfinden in Afrika und Europa und was passiert, wenn beide aufeinanderprallen...
Das war uns ein elementar wichtiges Thema. Denn wir Europäer sind gerne in der – ich nenne es jetzt mal – Überheblichkeit, unsere Rechtsordnung oder unsere demokratischen Gesellschaftsstrukturen weltweit transportieren zu wollen und andere für rückständig oder Rechtsbrecher zu halten. So einfach ist die Lage eben nicht. Rechtsformen sind aus Traditionen erwachsen. Man muss wenigstens wissen, woher die Traditionen der anderen stammen.
Sie haben im Frühjahr den Putsch in Mali live miterlebt. Welche Sorge tragen Sie denn im Hinblick auf Ihr Entwicklungsprojekt?
Dieses Projekt mit seinem Netzwerk hat einen hervorragenden Stand erreicht. Aber man darf seiner Selbst nie allzu sicher sein. Wir, das heißt die zwei Studentinnen aus Landau und ich, sind mitten in diesen Militärputsch in Mali geraten. Das war eine außerordentlich gefährliche Situation. Es gibt sehr wenig Nachrichten in Deutschland darüber, aber wir sehen, dass dort eine angespannte Situation herrscht, die wahrscheinlich in so etwas wie einen Bürgerkrieg führen wird, und das gefährdet natürlich ganz stark die positiven Dinge, die wir eingeleitet haben. Gani-Dah, unser Dorf, liegt Gott sei Dank sehr weit ab jeder festen Straße, so dass es militärisch nicht interessant ist, aber durchaus ernährungstechnisch. Es hat im vergangenen Jahr schon fast Hungersnot geherrscht in Mali. Und wenn dann marodierende Soldaten über die Felder ziehen und dem Dorf die Nahrung entziehen, ist das eine große Gefahr.
Welche Auswirkungen hat die aktuelle politische Lage auf Ihr Entwicklungsprojekt?
Ich rechne damit, dass wir die Projekte weiterführen können, aber wir müssen jetzt erst einmal die Situation abwarten
Wie informieren Sie sich über die Lage vor Ort? Es ist von Deutschland aus ja schwierig, an Informationen zu kommen. Sieht es in französischen Medien anders aus?
Ja, es sieht in französischen Medien anders aus. Es gibt auch afrikanische Online-Magazine wie „Jeune Afrique“, die malischen Parteien haben Online-Auftritte und melden natürlich, was immer sie erfahren. Und die beiden Studentinnen und ich haben je unsere privaten Kontakte in Mali, da gibt es schon ab und zu Telefonate und Mails, zwar selten, aber es gibt sie. Ich habe von Projekten in Timbuktu gehört, die zerstört und ausgebrannt worden sind. Also da wo die Rebellen sich festsetzen, da herrscht Zerstörung und Vandalismus.
Die instabile politische Lage in vielen afrikanischen Ländern stellt Nachhaltigkeit von Entwicklungsprojekten doch vor eine sehr große Herausforderung?
Ja, Mali galt bislang als Musterdemokratie afrikanischer Art. Da ist so eine Entwicklung natürlich sehr traurig und wirft das Land weit zurück.
Irgendwie hat man das Gefühl, der Schwarze Kontinent kommt politisch nicht zur Ruhe. Woran machen Sie das fest?
Es gibt natürlich eine Fülle spezifischer Ursachen in den verschiedenen Ländern. Aber eine der entscheidenden Ursachen liegt in den zum Teil sehr alten ethnischen Konflikten jeder Art. Eine Regierung, eine Präsidentschaft hat immer nur bestimmte Familien, bestimmte Ethnien gefördert, andere dagegen unterdrückt oder fallen gelassen. Und das genau ist dann Ursache der nächsten Rebellion anderer Ethnien. Letztlich ist das mit den Touareg im Norden von Mali gerade jetzt auch wieder passiert.
Industrienationen führen ja immer wieder Mediationen in Krisengebieten durch. Man hat aber nicht das Gefühl, dass Afrika mitberücksichtigt wird. Teilen Sie meinen Eindruck?
Das ist ein richtiger Eindruck. Es sind einfach zu viele bedeutende wirtschaftliche Interessen im Spiel. So können zum Beispiel in Gegenden wie im Norden Malis wahrscheinlich Uranvorkommen sowie andere Metalle und auch Erdgas gefördert werden. Die Länder, die wirtschaftliche Interessen von außen hereintragen, müssen sich mit dem einen wie mit dem anderen gut stellen, um ihre Interessen nicht zu gefährden, so dass dann nie wirklich klare Stellungnahmen kommen. Diese wirtschaftlichen Interessen sind Teil des Problems.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Nähere Informationen über das Projekt von Birgit Biehl unter www.gani-dah.de.
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