Texte. Spielräume interpretativer Näherung

Vorwort

Mit Ablauf des Sommersemesters 2005 wird Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhard Fieguth emeritiert. Dies bietet den äußeren Anlass, ihn mit einer Festschrift zu ehren. Der Titel der Festgabe „Texte. Spielräume interpretativer Näherung“ resultiert dabei zum einen aus der Vielfalt der germanistischen Forschungsinteressen und Arbeitsgebiete des Jubi­lars, zum anderen verdankt er sich der thematischen Reichhaltigkeit der in diesem Band versammelten Beiträge, die Gerhard Fieguth von Freunden1, Kollegen und Schülern gewidmet werden.

Der Werdegang von Gerhard Fieguth ist geprägt durch die produktive Vernetzung von Forschung, Lehre und universitärer Leitungstätigkeit. Das Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik in Mainz, Frankfurt am Main und Berlin führte zum Staatsexamen und für kurze Zeit in die Schule. Nach der Promotion über Jean Paul als Aphoristiker (1966) holte ihn sein akademischer Lehrer, Prof. Dr. Paul Requadt, als wissenschaftlichen Assistenten an das Deutsche Institut der Universität Mainz.

Einem Ruf auf die Professur für Neuere deutsche Literatur und Fachdidaktik Deutsch an die Erziehungswissenschaftliche Hochschule Rheinland-Pfalz, Abteilung Worms, folgte Gerhard Fieguth nach der Habilitation 1972. Im Jahre 1978 wechselte er an die Abteilung Landau. Nach Gründung der Universität Koblenz-Landau im Jahr 1990 verblieb er bis heute am Campus Landau im Institut für Germanistik.

Aus seinem vielfältigen Engagement in der Hochschulpolitik sei die intensive Mitarbeit in der akademischen Selbstverwaltung besonders hervorgehoben. Für die Universität Koblenz-Landau hat sich Gerhard Fieguth bleibende Verdienste erworben, insbesondere aufgrund seiner Tätigkeiten als Dekan, als langjähriges Mitglied im Rat des Fachbereichs 6: Kultur- und Sozialwissenschaften sowie als Vizepräsident in den Jahren von 1990-2000.

Bei aller Vielfalt seiner Zielsetzungen in Forschung und Lehre hat sich Gerhard Fieguth von Beginn an mit besonderer Energie zwei Arbeitsschwerpunkten zugewandt, der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und der interkulturellen, interdiszipli­nären Literaturwissenschaft. Im Rahmen interkultureller Beziehungen pflegte Ger­hard Fieguth einen intensiven intellektuellen Austausch mit Germanistik-Kollegen osteuropäischer Universitäten. Als Anerkennung dieser besonderen Leistung wurde ihm im Jahr 1997 von der Staatsuniversität Kemerovo/Sibirien der Titel eines Dr. h.c. verliehen.

Bei seinen Forschungen hat Gerhard Fieguth den wissenschaftlichen Nachwuchs stets großzügig mit einbezogen, ihm Wege gewiesen und die Freiräume geschaffen, in denen er sich ohne Gängelung entfalten konnte. Seine im Laufe der Jahre entstandenen Publikationen sollen in diesem Rahmen nicht alle einzeln aufgeführt werden. Besonders hervorzuheben ist auch sein großes Engagement in der Lehre.

Der Textbegriff, wie er von der Textlinguistik wie auch der Literaturwissenschaft gegenwärtig bestimmt wird, ist in der vorliegenden Festschrift das Bindeglied für die zahlreichen Beiträge aus so unterschiedlichen Wissenschaften wie Germanistik, Philosophie, Anglistik, Romanistik, Sozialwissenschaften, Theologien und Kunstwissenschaften, um nur einige zu nennen. Die wissenschaftliche Fragestellung aller Beteiligten orientiert auf interpretative Zugänge zu Texten, einem bevorzugten Arbeitsgebiet von Gerhard Fieguth. Unter „Interpretieren“ soll hier in Anlehnung an B. U. Biere eine sprachliche Handlung verstanden werden: „Insofern als sich das Interpre­tieren auf sprachliche Gegenstände bezieht, auf Äußerungen oder Texte bzw. auf das Verständnis bestimmter Äußerungen oder Texte als parole-Ereignisse, ist es als sprachreflexiver oder metakommunikativer Akt zu verstehen, in dessen Vollzug selbst wieder sprachliche Zeichen hervorgebracht werden, die in einer spezifizierenden Weise auf vorgängige sprachliche Zeichen Bezug nehmen. Interpretationen sind in diesem Sinne eine bestimmte Art von ‚Texten über Texte’“2.

Interpretieren im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung mit Texten bzw. ihren sprachlichen und nichtsprachlichen Konstituenten impliziert sodann Analysieren, Verstehen, Semantisieren oder Ähnliches. Unter forschungsmethodischem Aspekt ist der Hinweis wichtig, dass das bessere „Verständnis“ eines Textes als Ziel des Inter­pretierens kein absolutes, lediglich ein relatives Ergebnis des gezielt vollzogenen Rezeptionsprozesses sein kann – Verständnis kann immer nur in einer relativ zu sehenden Näherung vorliegen.

Da alle beteiligten Wissenschaftsdisziplinen in eigenen fachspe­zifischen Traditionen stehen, pflegen sie unterschiedliche Um­gangsweisen mit ihrem Gegenstand und zeichnen sich bisweilen auch durch besondere äußere Merkmale bei Publikationen aus. Dies führte dazu, dass die Herausgeber mit Blick auf die Einheitlichkeit die Beiträge einander behutsam angeglichen haben, gleichwohl aber auch stets darum bemüht waren, den individuellen Wünschen der Beiträger möglichst zu entsprechen. Das hat nahezu zwangsläufig zur Folge, dass eine formale Übereinstimmung der Texte dieses Buches bis ins Detail nicht gewährleistet werden konnte.

Im Vordergrund steht jedoch die vollendete Festgabe. Wir sind der Auffassung, dass das Werk die zeitgenössische Fachliteratur zum Phänomen „Text“ außerordentlich bereichern wird, da es zum einen geglückt ist, verschiedenartige theoretische Konzepte unter dem Thema einer interdisziplinären und internationalen Festschrift zu vereinen und da es zum anderen allen Verfassern überzeugend gelungen ist, mit ihrer (fachspezifischen) Sicht einen erhellenden Zugang zur Thematik zu finden. Dafür danken wir allen Beteiligten, denn letztlich hat die gemeinsame Anstrengung zum Erfolg – der vorliegenden Festschrift – geführt. Unser Dank gilt auch Frau Christine Roth für ihre Sorgfalt bei der Formatierung der Manuskripte.

Sehr geehrter, lieber Herr Fieguth, diese Festschrift ist ein äußeres Zeichen des Dankes, des Respekts und auch Ausdruck der gro­ßen Wertschätzung, die Ihnen von uns sowie von Kollegen und Studierenden, die nicht alle namentlich genannt werden können, im In- und Ausland entgegengebracht wird. Uns alle eint der Wunsch, dass Sie nach Ihrer Emeritierung noch lange Jahre produktiv am wissen­schaftlichen Diskurs teilnehmen werden.

 

Verständlich-Machen – Plädoyer für eine neue Einheit von Literaturwissenschaft und Linguistik

Bernd Ulrich Biere

Der Beitrag versucht, ausgehend von der fachgeschichtlichen Situation in den 60er und 70er Jahren, die gemeinsamen hermeneutischen Grundlagen von Literaturwissenschaft und Linguistik wiederzuentdecken. Aus der Diskussion des Verstehensbegriffs wird ein kommunikatives Konzept des Interpretierens entwickelt, wie es im Begriff des Verständlich-Machens zum Tragen kommt. Die Einheit des Faches wird schließlich in einer Einheit von Sprache und Sprachverwendung, von Sprache und Literatur gesehen, ‚jenseits’ von Nationalliteratur und ‚deutscher’ Philologie.

Inhalt

1.     Abschied von der Philologie?

2.     Verstehen

3.     Interpretieren als Verständlich-Machen

4.     Literaturwissenschaftliches Interpretieren

5.     Einheit in der Vielfalt

        Literaturverzeichnis

 

Gebrauchsanleitungen und deren Übersetzung: Analysieren – Interpretieren – Verstehen

Stephan Merten

Wer kennt sie nicht? Übersetzungen von Bedienungsanleitungen, aus denen hervorgehen soll, wie das neu erworbene Produkt zu installieren, zu verwenden und langfristig zu behandeln ist, damit es viele Jahre lang seinen Dienst für uns verrichten kann.

In den Spalten „Fundsachen“ großer Illustrierten können wir immer wieder amüsante Beispiele lesen, die verdeutlichen, wie schwer es ist, eine Gebrauchsanleitung zu erstellen und diese dann auch noch in eine fremde Sprache zu übersetzen – die Schreiber- und die Übersetzerperspektive rücken hier in den Blick. Dem Leser eines misslungenen Textes wiederum kommt die Aufgabe zu, das sprachliche Produkt des Übersetzers zu analysieren und zu interpretieren in der Hoffnung, es letztlich zu verstehen.
Geschriebene Texte stehen gleichsam auf drei Säulen: Schreiber – Text – Leser. In einigen Fällen kommt eine weitere hinzu: die des Übersetzers.
Im Folgenden wollen wir diese „Säulen“ ein wenig genauer betrachten. Fragen wir uns zunächst, was ein Text ist. Schauen wir dann darauf, was erforderlich ist, um einen verständlichen Text zu schreiben und zu lesen, und bedenken dann, was der Übersetzer eines Textes leisten muss, damit die intendierte Verständigung gelingt.

Inhalt

1.    Text und Textbegriff

2.     Schreiber und Schreibprozess

3.     Sprache, Kultur und das Problem der Übersetzbarkeit

4.     Textverständlichkeit und Textverstehen

5.     Gelingen und Misslingen von Übersetzungen

6.     Schlussbemerkungen

        Literaturverzeichnis

 

Diskurs, Ideologie und Metaphern.

Aspekte einer Kritischen Kognitiven Linguistik

Martin Pütz

Der vorliegende Beitrag diskutiert zwei viel versprechende, relativ neue Paradigmen der modernen Sprachwissenschaft: (i) die kognitive Linguistik bzw. Semantik (u.a. Lakoff), und (ii) die kritische Diskursanalyse (u.a. Fair­clough, van Dijk). Aufgrund ihres gemeinsamen Interesses an der ideologischen Funktion von Sprache lassen sich beide Forschungsgebiete in das Paradigma einer Kritischen Kognitiven Linguistik zusammenführen. Eine kognitiv-semantische Analyse von Nachrichtentexten im Kontext der amerikanisch-irakischen Auseinandersetzungen zeigt, dass konzeptuelle Metaphern und kognitive Modelle als Analyseinstrumente kritischer Ideologieforschung in der Lage sind, Strategien und Manipulationen in politischer Kommunikation zu identifizieren bzw. Macht- und Dominanzstrukturen offen zu legen.

Inhalt

1.     Einleitung

2.     Kritische Diskursanalyse

3.     Kognitive Linguistik und Metapherntheorie

4.     Kognitive Semantik, kognitive Modelle und Ideologien im Diskurs

4.1.  Ideologien: Struktur und Funktion

4.2.  Kognitive Modelle

4.3.  Kritische Kognitive Linguistik: Das Zusammenspiel zwischen Kognitiver Semantik und Ideologie

5.     Politische Kommunikation und konzeptuelle Metaphern: Golfkrieg und George Bush

5.1.  Ideologie und konzeptuelle Metaphern im politisch-wirtschaftlichen Diskurs

5.2.  Metaphern und Ideologie im Kontext amerikanischer Außenpolitik: eine exemplarische Analyse

        Literaturverzeichnis

 

Argumentationsstrategien der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem außenpolitischen Diskurs

Snježana Žuljević

Der Artikel befasst sich mit Problemen bei der Argumentationsanalyse eines polytextuellen außenpolitischen Diskurses. Die für linguistische Arbeiten übliche Beschränkung auf die Rekonstruktion von Argumentationen und Untersuchung von Argumentationsschemata erweist sich bei einem Diskurs über „Fremde in der Fremde“ als unzulänglich. Am Beispiel von Argumentationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Problemen des ehemaligen Jugoslawien im Jahre 1988 soll gezeigt werden, dass es einerseits notwendig ist, beim strategischen bzw. persuasiven Argumentieren die Plausibilität der Argumentationen zu beurteilen, dass man sich andererseits damit auf das unsichere Terrain der außersprachlichen Wirklichkeit begibt, zu der es kaum wissenschaftlich gesicherte Aussagen gibt.

Inhalt

1.     Einleitung

2.     Zu einigen Problemen und zum methodischen Vorgehen bei der Analyse von Argumentationen als strategische Sprachhandlungen

3.     Zu einigen Problemen und zum methodischen Vorgehen bei der Argumentationsanalyse von Diskursen

4.     Zum komplexen strategisch-topischen Muster der FAZ-Argumentation

4.1.  Strategien und Topoi der FAZ im Umgang mit der Argumentation des Proponenten

4.2. Aufbau der FAZ-Argumentation

5.     Anhang

        Literaturverzeichnis

 

Eine historisch-theologische Kritik an der Metapher „Pharisäer“

Roman Heiligenthal

Der Begriff „Pharisäer“ ist heute (immer noch) eine konventionelle Metapher mit dem Assoziationshof „Heuchler“, „heuchlerisch“, „verschlagen“ im Kontext ethischer bzw. religiöser Werturteile. Man findet die Metapher nicht nur in der Umgangssprache, sondern auch im literarischen, religiösen und journalistischen Kontext. Häufig unreflektiert werden mit ihrem Gebrauch antijüdische Vorurteile fortgeschrieben. Auch wenn mit „Pharisäer“ in der Regel das Verhalten von nichtjüdischen Menschen kritisiert werden soll, insinuiert die Metapher doch eine Gleichsetzung mit typischem Verhalten „der Juden“. Seinen Ursprung hat die negative Rede von „den Pharisäern“ hauptsächlich in den sog. Weherufen gegen Pharisäer und Schriftgelehrte, die man im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums findet. Der Text dieser Stelle gliedert sich in einen einleitenden Abschnitt, den man mit den Schlagworten „Heuchelei“ und „Titelsucht“ betiteln kann, und darauf folgende sieben Weherufe gegen Pharisäer und Schriftgelehrte, die im siebten Weheruf in der Androhung eschatologischer Verdammnis kulminieren (Mt 23,29-33):

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler,
denn ihr baut Prophetengräber
und schmückt die Grabstätten der Gerechten,
und sagt:
‚Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten,
wären wir nicht mit ihnen beteiligt gewesen am Blut der Propheten!’
Damit bezeugt ihr gegen euch selbst,
dass auch ihr Söhne der Prophetenmörder seid!
Und ihr: Erfüllt das Maß eurer Väter!
Ihr Schlangen! Ihr Otternbrut!
Wie wollt ihr vor dem Gericht der Hölle fliehen?“ (Übersetzung nach Luz 1997: 342).

Ich möchte im Folgenden drei Fragen nachgehen: Wie stellt sich die Wirkungsgeschichte dieses Textes dar? oder anders gefragt: Wie ging man in der Theologiegeschichte mit dem polemischen Sprachmaterial aus Mt 23 um? Danach stellt sich die historische Frage: Zeichnet Matthäus ein realistisches Bild des Judentums seiner Zeit? Und zuletzt: Worin liegt die Intention des Verfassers vor dem Hintergrund der Situation seiner Adressaten und der frühchristlichen Geschichte?

Inhalt

1.     Die Pharisäerpolemik in Mt 23 im Kontext der Theologiegeschichte

2.     Die Pharisäer im Kontext des Judentums Palästinas hellenistisch-römischer Zeit

3.     Zu den Aussagen im Neuen Testament

        Literaturverzeichnis

 

Die Wahrheit der Dichtung.

„Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins“ aus der Sicht Romano Guardinis

Hans Mercker

Romano Guardini (1885-1968) als Sohn italienischer Eltern in Mainz aufgewachsen, dort Priesterweihe; 1923-1939 Prof. in Berlin auf dem neugeschaffenen Lehrstuhl „Christliche Weltanschauung“ für Hörer aller Fakultäten, dann auf gleichen Lehrstühlen 1945 in Tübingen und von 1948-1963 in München.

Werke wie „Das Wesen des Christentums“, „Unterscheidung des Christlichen“, „Welt und Person“, „Sorge um den Menschen“ bilden sein Anliegen programmatisch ab. Durch die monographischen Gestaltdeutungen zu So­krates / Platon über Augustinus, Dante, Pascal, Hölderlin, Dostojewskij und Rilke ist er einer breiteren Öffentlichkeit ebenso bekannt geworden wie über seine Vorträge und Universitätspredigten in Berliner und Münchener Kirchen. Das Erstlingswerk „Vom Geist der Liturgie“ sowie sein Christusbuch „Der Herr“ sind geradezu assoziativ mit seinem Namen verknüpft. Jenseits der Fakultätsgrenzen und ihrem Fachjargon stellt Guardini die Frage nach dem Christlich-Eigentlichen und ihrer Bedeutung für den Weltbezug des Glaubens.

Inhalt

1.     Grundlegende Vorentscheidungen

2.     Lehrstuhl für Katholische Religionsphilosophie und Weltanschauung in Berlin

3.     Die Münchener Professur

4.     Die Rückschau auf das Mittelalter als Versuch einer christlichen Anschauung der Welt

5.     Kritik an der Schultheologie: die Vernachlässigung der Welt

6.     Guardinis Anthropologie: Gott als absoluter Bezugspunkt des Menschen

7.    „Interpretatio Christiana“. Guardinis Rilkedeutung im Zusammenhang der christlich-abendländischen Geistesgeschichte

8.     Der christliche Einspruch

9.     Schlußbemerkung

 

Undogmatische Dogmatik.

Zur Hermeneutik und Interpretation von Glaubensaussagen

Wolfgang Pauly

Eine kritische Hermeneutik erkennt in der christlichen Dogmatik die Ausdrucksgestalt menschlicher Grunderfahrungen im Modus des Mythos und der griechischen Metaphysik. Der biblische Befreiungsimpuls erhielt auf dem Weg „von Jerusalem nach Athen“ den Charakter eines statischen Systems mit Universalanspruch. Theologische Neuansätze des 19. Jahrhunderts möchten dessen Verflüssigung ohne Verwässerung. Eine existentiale Interpretation befragt Dogmen und Lehrinhalte nach dem in ihnen verborgenen Sinn- und Erfahrungspotential.

Inhalt

1.     Von Jerusalem nach Athen

2.     Von der Statik zur Bewegung

3.     Vom Mythos zur Erfahrung

        Literaturverzeichnis

 

Erziehung als Taufverpflichtung“ – Predigtanalyse.

Analyse einer 1940 in Hermannstadt/Siebenbürgen gehaltenen, politisch interpretierten Predigt des Stadtpfarrers D. Friedrich Müller

Ulrich A. Wien

Predigtanalyse: trägt der Begriff nicht einen Widerspruch in sich? Predigt – die vollmächtige Verkündigung des Evangeliums in ermutigender und tröstlicher Absicht –, kann sie im Wortsinn analysiert: aufgelöst werden?

Die Erfinder der Heidelberger Methode der Predigtanalyse um den Lyriker (Bohren 2004) und Homiletiker (Bohren 51986) Prof. Dr. Rudolf Bohren (*1920) (Rudolf Bohren 1996, Praktische Theologie als Wissenschaftskritik. Anmerkungen zu Günter Grass: „Über das Sekundäre aus primärer Sicht“, in: Ev. Akademie Baden (Hrsg.): Predigen aus Leidenschaft, 79-102) haben den Hiatus als Herausforderung begriffen. Laut Konzeption bemüht sich die Analyse einerseits gegenüber dem Untersuchungsgegenstand sensibel und hinsichtlich des Fundaments (dem Bibeltext) loyal zu sein, andererseits wird gegenüber der schriftlichen Predigt der Versuch unternommen, mit literaturkritischer Akribie vorhandene Kongruenz und Konsistenz oder Inkongruenz bzw. Inkonsistenz zwischen Textbasis, Auslegung sowie auch innerhalb der Rede selbst zu erheben. Dabei sind sowohl rhetorische, grammatikalische, stilistische, semiotische und verbale als auch insbesondere genuin theologisch-dogmatische, aber auch bibel-exegetische Aspekte bei der Analyse leitend. „Die Heidelberger Methode empfiehlt sich vor allem wegen ihres theologischen [...] Vorgehens bei der Analyse“, denn alle herkömmlichen „Fragestellungen werden unter strikt theologischen Gesichtspunkten betrachtet“, die sich „auf vier Hauptgebiete“ konzentrieren: den Namen Gottes, den Text, die Gemeinde und den/die Prediger/in (Clyde Fant, Die Heidelberger Methode der Predigtanalyse: Eine Reaktion, in: Bohren / Jörns 1989: 103-115).

Kurz: es geht in der Heidelberger Predigtanalyse-Methode sowohl um die sprach- wie sachanalytische Untersuchung einer schriftlich vorliegenden Verkündigungsrede. Ziel dabei ist zweierlei: Einerseits den/die Prediger/in eventuell besser zu verstehen als er/sie sich selbst versteht; andererseits durch die Analyse von modellhaften Predigten als „Fortsetzung der Heilsgeschichte in neuer Predigt“ (Bohren / Jörns 1989: 55-61 [hier: 57]) – in indirekter Selbstkritik – die homiletische Kunst zu fördern.

Konkretisiert wird dieses Vorhaben in drei Formen: in der Predigtforschungsstelle der Universität Heidelberg, in einem Ökumenischen Verein zur Förderung der Predigt und in einem Predigtanalyse-Seminar am Campus Landau (hervorgegangen aus dem Oberseminar „Predigtanalyse“ bei Prof. Bohren).

Im nachfolgenden Beitrag soll eine historische Predigt – des begrenzten Platzes wegen nur ansatzweise und stark komprimiert – analysiert werden. Sie ist deswegen interessant, weil unter der Decke der religiösen Rede verborgen indirekt eine in der damaligen Situation brisante politische Botschaft anklang, die durch die Penetranz des Predigers auf eine Eskalation zutrieb. Der Prediger hat mit dem Schlagwort „Erziehung als Taufverpflichtung“ provoziert und wurde daraufhin binnenkirchlich und politisch kaltgestellt. Dessen wertkonservative Opposition gegen die Führung der nationalsozialistischen „Deutsche[n] Volksgruppe in Rumänien“ sowie gegen die gleichgeschaltete Kirchenleitung der Evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien veranlasste den rumänien-deutschen Volksgruppenführer, den Kirchenmann als „Feind des Reiches“ zu bezeichnen. Künftig wurden diesem die zuvor vielfältig genutzten publizistischen Möglichkeiten verwehrt. Grund genug, die Predigt zu analysieren.

Inhalt

1.     Die Person des Predigers im zeitgenössischen Kontext

2.     Predigtanalyse

2.1.  Aussagen

2.2. Theologische Querverbindungen als Rezeptionsbedingungen im politischen Kontext

3.     Ausblick

        Literaturverzeichnis

 

Zur Deklamationskunst der russischen Moderne

Henner Barthel

Der Beitrag skizziert ein wichtiges (noch ungeschriebenes) Kapitel europäischer Deklamationskunst (Sprech- oder Vortragskunst; Rezitation) und ihrer Erforschung, das mit der russischen Moderne (1905-1934) einhergeht. Nach ihrer historischen Einordnung werden die literarischen Richtungen Symbolismus, Futurismus und Akmeismus mit den beispielhaften Vertretern Blok, Majakovskij und Achmatova als Deklamatoren vorgestellt. Den Schluss bildet eine kurze Würdigung des russischen Formalisten Bernštejn, der mit seinen Untersuchungen eine Theorie der Deklamation begründen wollte.

Inhalt

1.     Vorwort

2.     Symbolismus: Aleksandr A. Blok als Deklamator

3.     Futurismus: Vladimir V. Majakovskij als Deklamator

4.     Akmeismus: Anna A. Achmatova als Deklamatorin

5.     Erforschung

        Literaturverzeichnis

 

Das Buch von Ingo Schulze „33 Augenblicke des Glücks” und „Petersburger Text”

Ada Beresina

Der bekannte Roman Ingo Schulzes „33 Augenblicke des Glücks“, dessen Handlung in St. Petersburg spielt, wird im Aufsatz in den Kontext des so genannten „Petersburger Textes der russischen Kultur“ gestellt und ist dementsprechend interpretiert worden. Objekte eingehender Analyse werden repräsentative und marginale Räume des Stadtzentrums und einige Räumlichkeiten der St. Petersburger Umgebung, wie sie bei Schulze dargestellt werden.

Inhalt

1.     Der Begriff des „Petersburger Textes“

2.     Zur Problemstellung: St. Petersburg als Handlungsort und Motiv in Ingo Schulzes „33 Augenblicke des Glücks“

3.     Schulzes „Weiterschreiben“ am „Petersburger Text“

3.1.  Wladimir Toporows Konzept des „Petersburger Textes“

3.2.  Die repräsentativen Räume des Stadtzentrums

3.3.  Die marginalen städtischen Räume

3.4.  Die Räume und Wege der Stadtumgebung

4.     Die ironische Grundstimmung von „33 Augenblicke des Glücks“

        Literaturverzeichnis

 

Windhühner nähren und Federn blasen.

Bemerkungen über intertextuelles Schreiben und Zeichnen bei Günter Grass

Helmut Deck

Am Beispiel zweier häufig benutzter Motive soll ein Einblick in die spezifische Arbeitsweise von Günter Grass gewonnen werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Lyrik, aber sie soll ergänzt werden durch Verweise auf Epik und insbesondere auf das grafische und zeichnerische Werk.

Inhalt

1.     Vorbemerkungen

2.1.  Die Vorzüge der Windhühner

2.2.  Geflügel auf dem Zentralfriedhof

2.3.  Geteert und Gefedert

2.4.  Federn blasen

2.5.  Könnte mein Atem

2.6.  Im Gleichklang

3.     Zusammenfassung

        Literaturverzeichnis

 

Die Überwindung der Sprachlosigkeit.

Die künstlerische Zeugniskraft des Erzählers Dieter Forte

Manfred Durzak

Die These des in England tätig gewesenen Germanisten und in seinen letzten zehn Jahren als Schriftsteller arbeitenden Winfried G. Sebald ist bekannt. Die deutsche Nachkriegsliteratur habe das Leid der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg weitgehend tabuisiert und ausgespart. Tatsächlich haben sich nicht nur Nossack und Ledig damit literarisch auseinandergesetzt. Ein wichtiges, von Sebald nicht registriertes Beispiel ist der zweite Roman: „Der Junge mit den blutigen Schuhen“ von Dieter Forte – die Kriegs- und Nachkriegszeit behandelnde große Roman-Trilogie. Der spezifische Modus von Fortes künstlerischer Darstellung wird in diesem Beitrag im einzelnen analysiert.

 

Zur funktionalen Äquivalenz der Übersetzung am Beispiel der „Weber“ von Gerhart Hauptmann

Hanna Kaczmarek

Gegenstand der vorliegenden Ausführungen ist die Besprechung der Ergebnisse einer übersetzungsvergleichenden Analyse des Dramas „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann. Es ist kein Zufall, dass gerade dieses Drama der übersetzungskritischen Überprüfung unterzogen wurde. Da bei Hauptmanns „Weber“ die Sprachstruktur eine fundamentale Rolle spielt, so wurde der Versuch unternommen, aufzudecken, inwieweit ihre Berücksichtigung in einem Umkodierungsvorgang einen Einfluss auf die Dekodierung in die Zielsprache bei einem Rezipienten hat. Übersetzungskritische Überprüfungen sollen beweisen, ob zwischen den zwei polnischen Fassungen des Dramas und dem Originaltext eine funktionale Äquivalenz besteht und inwieweit der Sprach- und Kulturtransfer vollzogen ist.

Inhalt

1.     Theoretische Vorbemerkungen

2.     Problemstellung

3.     Dialektale und soziolektale Implikationen

3.1.  Dialektale Stilisierung

3.2.  Soziolektale Stilisierung

4.     Ausblick

        Literaturverzeichnis

 

Der Dialog als Weg zur Selbsterkenntnis.

Zum dialogischen und diskursiven Charakter der österreichischen Literatur von Frauen: Ingeborg Bachmann, Barbara Frischmuth, Elfriede Jelinek und Brigitte Schwaiger

Joanna Ławnikowska-Koper

Mit der Annahme, der Dialog bedingt die Erkenntnis und ermöglicht die Selbsterkenntnis, wird in dem vorliegenden Beitrag über österreichische Literatur von Frauen auf die Diskurstheorie zurückgegriffen. Der Text untersucht die Gültigkeit des obigen bezogen auf die literarischen Frauenkonzepte, verstanden hier als Konzepte von Frauen entworfen und Frauen betreffend. Das Forschungskorpus sind Werke österreichischer Autorinnen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. In ihren Werken ist sowohl der „feministische Diskurs“ als auch der „Weiblichkeitsdiskurs“ präsent. Das lässt sich in den Versuchen der Neubestimmung von Frauenrollen und -erwartungen in der Darstellung der Mutter-Tochter- und der Vater-Tochter-Beziehung nachweisen. Bei der Analyse kommt die Sonderposition dieser Literatur in ihrem großen Autonomieanspruch, in der Unvoreingenommenheit und Hoffnung auf Selbstverwirklichung der „neuen Frau“ in einer „erneuerten“ Gesellschaft zum Ausdruck.

Inhalt

1.     Theoretische Ansätze des Dialogs und des Diskurses

2.     Feministischer Diskurs und Weiblichkeitsdiskurs der Gegenwart

3.     Österreichische Literatur von Frauen und ihre Sonderposition

3.1.  Die Auseinandersetzung mit dem Vater (Brigitte Schwaiger)

3.2.  Abschied von der Mutter (Elfriede Jelinek)

3.3.  Freude am Kind (Barbara Frischmuth)

4.     Neue Frau in Ankunft (Ingeborg Bachmann)

5.     Fazit

        Literaturverzeichnis

 

Ut vir, sic oratio – Wiederholte Rede und „Geistreichigkeitssprache“ bei Fontane

Heinz-Helmut Lüger

Individuelles Formulieren und das Zurückgreifen auf vorgeprägte Aus­druckseinheiten müssen sich nicht ausschließen, im Gegenteil. Diese Feststellung scheint für die reale, alltagsweltliche Kommunikation ebenso zu gelten wie für den literarischen Bereich. Anhand eines Beispiels aus dem 19. Jahrhundert, nämlich des 1897 beendeten Romans „Der Stechlin“ von Theodor Fontane, soll dieser Gedanke in den folgenden Abschnitten weiter konkretisiert werden.

Inhalt

1.     Sprachbewußtheit und wiederholte Rede

2.     Vielschichtigkeit in der Kommunikation

3.     Positive Selbstdarstellung

4.     Negative Selbstdarstellung

5.     Schlußbemerkungen

        Literaturverzeichnis

 

Prinzipien der linguistisch-stilistischen Analyse eines schöngeistigen Textes

Georg Melika, Olha Hvozdyak

Im Beitrag geht es um Vorüberlegungen zu Grundlagen, die die angebotenen Prinzipien einer linguistisch-stilistischen Analyse einsichtig machen. Am Beispiel von Minitexten verschiedener funktionaler Stile werden Forderungen für die Analyse eines Auszugs aus der schönen Literatur sichtbar gemacht.

Inhalt

1.     Zum Wesen von Kommunikation

2.     Zur inhaltlichen Beschaffenheit der verbalen Mitteilung

3.     Der Erkenntnisablauf beim Empfang der extralingualen Umwelt

4.     Analyse eines Textauszugs als Fragment einer längeren verbalen Aussage

        Literaturverzeichnis

 

Anthroponyme – Konstituenten der Literarizität poetischer Texte

Inge Pohl

Diesem Aufsatz liegt die Prämisse zugrunde, dass die literarische Onomastik als Wissenschaft von den Eigennamen bei der Ausdeutung literarischer Werke „Hilfestellung“ leisten kann. Noch vorhandene Theoriedefizite in der literarischen Onomastik bezüglich des Bedeutungs- sowie des Kontextbegriffs der Eigennamen sind vorderst anzugehen, so dass ein Anschluss an modernere theoretische Konzepte, wie der Kognitionslinguistik und der Rezeptionsästhetik, gefunden werden kann. Die These, dass insbesondere Anthroponyme (Personennamen) Anteil an der Literarizität poetischer Werke besitzen, verifiziere ich auf der gewonnenen theoretischen Basis an der Ausprägung der ästhetischen Kategorie des Komischen, an figuralen Merkmalen eines literarischen Genres sowie am Phänomen der Namenlosigkeit.

Inhalt

1.     Neuere theoretische Fragen in der Onomastik

2.    Anteil von Eigennamenmerkmalen an Erzeugung und Wirkung der ästhetischen Kategorie des Komischen

3.     Anteil von Eigennamen bei der Ausprägung genretypischer Merkmale

4.     Zum Phänomen der „Namenlosigkeit“ in literarischen Werken

        Literaturverzeichnis

 

Franz Kafka und Vladimir Sorokin.

Zum Problem einer ‚kleinen’ Literatur

Larissa Polubojarinova

Inhaltliche und formale Gemeinsamkeiten von Texten des russischen Gegenwartsautors Vladimir Sorokin mit denen Franz Kafkas werden nicht auf der komparatistischen Ebene der ‚Einflüsse’ und ‚Motivübernahme’ begründet, sondern als zurückführbar auf die typologische Ähnlichkeit der existentiellen Erfahrung von Kafka und Sorokin erforscht. Methodologisch wird dabei auf den Begriff der kleinen Literatur von Deleuze und Guattari rekurriert. Als ein Teilaspekt einer kleinen Literatur wird der Nomadismus betrachtet, auf dessen Äuβerungen bei beiden Autoren am Schluß eingegangen wird.

Inhalt

1.     ‚Kafka-Rezeption’: eine Problematisierung

2.     „Dostojevskij-Trip” Sorokins: Kafka als ‚Tablette’

3.     Kafkas ‚Spuren’ bei Sorokin

4.     Kafka als ‚Instrument’ einer Dekonstruktion: „Der himmelblaue Speck”

5.     Eine kleine Literatur

5.1.  Drei Merkmale einer kleinen Literatur

5.2.  Die Sprache einer kleinen Literatur

5.3.  Literargeschichtliche Beispiele des Kleinliteratentums

6.     Vladimir Sorokin als kleiner Literat

6.1.  Deterritorialisierung der Sprache bei Sorokin

6.2.  Die Koppelung des Individuellen an das unmittelbar Politische: Norma”

6.3.  Die kollektive Aussagenverkettung: „Eine Schlange”, „Der himmelblaue Speck”, „Die Herzen der Vier”, „Das Eis”

6.4.  Die Sprache Sorokins

7.     Kafka und Sorokin: die nomadische Gesetzlichkeit

7.1.  Zum Begriff „Nomadismus”

7.2.  Das Nomadische bei Kafka: „Ein altes Blatt”

7.3.  Sorokins Nomadismus: „Die Herzen der Vier”

7.4.  Sorokins Nomadismus und die postsowjetische Wirklichkeit

       Literaturverzeichnis

 

Die Pläne der Natur.

Zur strukturellen Bedeutung der Hamlet-Interpretation in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“

Stefan Ringel

Shakespeares Drama „Hamlet“ spielt eine wichtige Rolle in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Wilhelms Interpretation des Stückes erhellt die Romanstruktur, indem sich dort das gleiche Wechselspiel von Plan und Planlosigkeit, Freiheit und Naturgebundenheit wiederfindet, das auch das Stück bestimmt. Dieses Wechselspiel konstituiert nicht nur den Bildungsgang der Titelfigur, sondern auch die Bildungsgeschichte, die der Roman ist.

Inhalt

1.     Erste Überlegungen zu einer Theorie der Leserlenkung

1.1.  Grundlagen zu einer Theorie der Leserlenkung bei Genette

1.2.  Grundlagen zu einer Theorie der Leserlenkung bei Nünning

2.     Der Erzähler in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“

3.     Der Bildungsbegriff in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“

4.     Notwendigkeit und Zufall in Shakespeares „Hamlet“

5.     Das Leben als Rätsel

        Literaturverzeichnis

 

Wir vergeben und bitten um Vergebung“.

Brückenschlag über den Abgrund nationaler Ressentiments im Roman „Weichselkirschen“ von Leonie Ossowski

Anna Szyndler

Die neueste deutsch-polnische Debatte um das geplante Zentrum der Vertriebenen in Berlin zeigt, dass die „Emotionenküche“ fast sechzig Jahre nach dem Kriegsende immer noch am Brodeln ist. Wie man mit Ressentiments auf konstruktive Weise umgehen kann, zeigen der ehemalige schlesische Flüchtling und die erfolgreiche Buchautorin Leonie Ossowski. Das Zauberwort ist alt wie der christliche Glaube und heißt „Vergebung“.

In ihrem 1976 erschienen Roman „Weichselkirschen“ setzt sich Ossowski mit zeitlosen Fragen auseinander, vor die beinahe jedes Land in Bezug auf seine Nachbarn gestellt wird; Grenzstreitigkeiten und ihre Folgen, Umgang mit der schmerzhaften gemeinsamen Vergangenheit, gegenseitige Wahrnehmung sind Themen, um die sich die Schriftstellerin in ihrem Roman mit bewundernswerter, positiver Neutralität bemüht.

 

Inhalt

1.     Geschichte als Kulisse der Romanhandlung

2.     Vorurteilsbehaftete Wahrnehmung des Anderen

3.     Angst vor dem Heimatverlust: „Man kann der Zukunft nicht trauen“

4.     Problem der kollektiven historischen Verantwortung

5.     Recht auf Heimat

6.     Dialog mit dem „Feind“ als konstruktive Vergangenheitsbewältigung

7.     Nachkriegsgeneration als Hoffnungsträger für deutsch-polnische Aussöhnung

8.     Schlusswort

        Literaturverzeichnis

 

Anmerkungen zu Conrad Ferdinand Meyers Gedicht „Der Deutsche Schmied“ (1871)

Hans-Jürgen Wünschel

Conrad Ferdinand Meyers politisches Gedicht „Der Deutsche Schmied“ brachte dem bisher unbekannten Schweizer aufgrund seines aggressiven Inhaltes Zustimmung in kleindeutsch-preußischen Kreisen. So nahm es kein Wunder, dass nach einem politischen Kurswechsel in der Redaktion auch die in Speyer erschienene „Pfälzer Zeitung“ das Gedicht veröffentlichte. Dieser Druckort war bisher nicht bekannt gewesen. Entgegen der bisherigen Meinung wurde Meyer vermutlich bei der Verarbeitung des Motivs eines „Schmiedes“ vom 14. Venezianischen Epigramm Goethes beeinflusst.

Inhalt

1.     Zur Problemstellung

2.     Zur Entstehung des Gedichtes „Der Deutsche Schmied“

3.     Das Motiv „Der Schmied“

4.     „Der Schmied“ in Conrad Ferdinand Meyers Epos „Huttens letzte Tage“

5.     Die Pfälzer Zeitung

        Literaturverzeichnis

 

Dilemma der Interpretation und Wesensbild der übersetzerischen Textexaktheit

Mykola Zymomrya

Iwan Franko (1856-1916) ist einer der bedeutendsten Vertreter der ukrainischen Kultur an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Im vorliegenden Aufsatz stellt der Autor einige Aspekte der Aufnahme und Bewertung von Frankos Werken in Deutschland und Österreich dar. Besonders akzentuiert wird der Zusammenhang zwischen dem Beitrag Frankos als Schriftsteller und als Übersetzer in den Jahren 1876-1916. In diesem Zusammenhang wird auch die Bedeutung der Rezeption für den Prozess der Wechselseitigkeit von nationalen Literaturen hervorgehoben.

Inhalt

1.     Iwan Franko im Kontext interliterarischer Kontaktbeziehungen

2.     Intensivierung der Rezeption ukrainischer Literatur im deutschsprachigen Raum

        Literaturverzeichnis

 

Vermittlung – Bildung – Medialität.

Anmerkungen zu den theoretischen Grundlagen des literaturdidaktischen Diskurses

Michael Baum

Es geht in diesem Text darum, drei literaturdidaktische Basiskategorien – Vermittlung, Bildung und Medialität – für sich und in ihrer Wechselwirkung zu analysieren. Dabei wird deutlich, dass basale Probleme der Literaturdidaktik bisher nicht gelöst, ja zum Teil noch nicht einmal angegangen wurden. Zu nennen sind: die Frage nach den medialen Konditionen literarischer Kommunikation, das ungeklärte Verhältnis zur Bildungstradition sowie die gegenstandsspezifische Vermittlungsproblematik. Als vordringliche Aufgaben literaturdidaktischer Forschung ergeben sich: die didaktische Reflexion der literarischen Medienkultur und die auf Vermittlungsprozesse ausgerichtete Analyse des schriftsprachlich vermittelten Imaginations- und Bedeutungspotentials der Literatur.

Inhalt

1.     Einleitung

2.     Vermittlung

3.     Bildung

        Literaturverzeichnis

 

Texte und Textsequenzen im Vergleich.

Fachliche Grundlagen und didaktisch-methodische Perspektiven einer Texterschließung

Oswald Beck

Der Beitrag befasst sich mit Zielstellung, Möglichkeiten und Grenzen eines Vergleichs von Texten als Methode zur Texterschließung allgemein wie in Hochschule und Schule im Besonderen. Im Mittelpunkt stehen „motivverwandte“ Texte im Einzelvergleich bzw. in Textsequenzen. An ausgewählten Beispielen werden Wege einer Texterschließung aufgezeigt. Weitere Hinweise und Anregungen runden den Beitrag ab.

Inhalt

1.     Zum Thema

2.     Textvergleich als Erschließungsmethode

3.     Textvergleich als Motivvergleich

4.     Zur Didaktik und Methodik des Text- und Motivvergleichs

5.     Beispiele

5.1.  Vergleich zweier Fassungen eines Gedichts

5.2.  Gedicht und Gegengedicht. Ein Vergleich

5.3.  Text-Bild-Vergleich

5.4.  Textsequenzen – Motivähnliche und inhaltsverwandte Texte im Verbund

6.     Weitere Anregungen und Hinweise

7.     Textvergleiche. Eine systematische Übersicht

        Literaturverzeichnis

 

Analysieren – Interpretieren – Verstehen

Andreas Fröhlich

Gesprochene Sprache stellt in der menschlichen Entwicklung eine vergleichsweise dünne, jedenfalls sehr junge Kommunikationsform dar.

Elementare Kommunikationsformen bestimmen die Verständigung dann, wenn es zu Störungen der verbalen Mitteilungs- und Aufnahmefähigkeit kommt.

Kinder mit schweren cerebralen Schädigungen kommunizieren auf einer praeverbalen Ebene – sie sollten in die allgemeinen Überlegungen zum „Analysieren – Interpretieren – Verstehen“ einbezogen werden, um ihre Par­tizipation an der menschlichen Kulturentwicklung sicher zu stellen.

Inhalt

1.     Kommunikation und Kommunikationsfähigkeit

2.     Frühe Interaktionsprozesse und ihre Bedeutung für die kommunikative Kompetenz

2.1.  Das Repertoire des Kleinkindes

2.2.  Verhaltensausstattung der Bezugspersonen

2.3.  Frühe Interaktionsprozesse

2.4.  Interaktionsstörung durch Behinderung des Kindes

3.     Untersuchung zum kommunikativen Verhalten

3.1.  Der Personenkreis schwerstbehinderter Kinder

3.2.  Zur Untersuchung

4.     Allgemeine Beobachtungen:

4.1.  Auswertungsergebnisse

4.2.  Zusammenfassung

5.     Kommunikation – Schaffung von Ausgangssituationen für Austauschprozesse

5.1.  Individuelle Analyse

5.2.  Kreative Begleitung, Begleitung der Kreativität

5.3.  Das Recht anders zu sein

        Literaturverzeichnis

 

David gegen Goliat.

Exegetische und religionsdidaktische Anfragen an eine biblische Erzählung

Elisabeth Reil

Die Erzählung von David und Goliat ist weit über ihren jüdisch-christlichen Traditionszusammenhang hinaus zur Metapher für Mut und Durchsetzungskraft eines Schwächeren gegenüber einem Stärkeren geworden. Dies macht sie einerseits attraktiv; andererseits aber auch beliebig verwendbar. Sie ist deswegen jedoch noch nicht uneingeschränkt zur Legitimation der jeweils eigenen Befindlichkeit geeignet. Im Kontext der Ereignisse des 11. September 2001 stellen sich neue Fragen an diesen Text aus dem 1. Buch Samuel. Auf der einen Seite die muslimischen Widerstandskämpfer in der Rolle des David – auf der anderen eine westliche Großmacht in der Rolle des Goliat? Ist es immer sittlich legitim, wenn sich die „Kleinen“ gegen die „Großen“ zur Wehr setzen, wenn nötig auch mit Gewalt? Gibt die alte Erzählung dafür nicht die „göttlich“ sanktionierte Steilvorlage? Ein theologisch und religionspädagogisch verantworteter Religionsunterricht kann die Brisanz dieser Fragen nicht übergehen. Der biblische Text ist nicht deswegen schon kindgemäß, weil seine Oberflächenstruktur verständlich ist. Mit geeigneten Methoden, die eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Tiefenstruktur des Textes ermöglichen, kann auch Kindern ein differenzierter und sachgemäßer Zugang erschlossen werden.

Inhalt

1.     David und Goliat auf allen Kanälen

2.     David und Goliat – (k)ein Thema des Religionsunterrichts?

3.     Methodisch getrimmt – sachlich daneben?

4.     Alter Text und neue Kontexte

5.     Der biblische Befund

6.     Rekonstruktion des Ereignisses

7.     Wachstumsgeschichte eines Textes

8.     Der Mehrwert einer veränderlichen Rezeption

9.     Religionsdidaktische Rekonstruktion

10.    Ästhetisches Lernen als Weg

11.    Methodische Konkretisierung anhand eines Beispiels

         Literaturverzeichnis

 

Ein deutsches Herbstgedicht in Sibirien

Heribert Rück

Der Artikel beschreibt den Versuch, ein deutsches Herbstgedicht mit einer Gruppe Studierender der Koblenz-Landauer Partneruniversität Kemerovo zu interpretieren, wobei nicht die philologische oder textlinguistische Analyse das Geschehen bestimmen, sondern ein forschend-entdeckendes Verfahren zur Anwendung kommen sollte. Dieses schien dem Verfasser die Möglichkeit in sich zu bergen, erhöhte Lerneraktivitäten zutage zu fördern und zudem spezifische Reaktionsweisen sibirischer Studierender sichtbar zu machen. Das Ergebnis zeigt einen positiven Befund im Hinblick auf die erste Hypothese, während die Vermutung, dass ein deutsches Herbstgedicht in Sibirien anders rezipiert würde als in seinem Ursprungsland, sich nur sehr begrenzt bestätigte.

Inhalt

1.     Begründung

2.     Der Text und seine Interpretation

3.     Ergebnis

        Literaturverzeichnis