Einführung

Als Vorläufer heutiger grenzübergreifender Schul-Initiativen könnte der liberale Theologe Jean-Laurent Blessig gesehen werden, der 1779 eine Provinzialakademie in Straßburg mit der Aufgabe forderte, den Deutschen französische Kunst und Wissenschaft nahe zu bringen, sie dazu anzuregen, französische Zeitungen zu lesen und umgekehrt die gleiche Bildung den Franzosen zukommen zu lassen (vgl. Schultz 1934: 145). In seine Tradition stellen sich heute viele Initiativen am Oberrhein. Dabei fällt auf, dass es schon vor der Öffnung der europäischen Grenzen an Initiativen der Politiker, der Wirtschaftsvertreter und auch der pädagogogischen Vordenker nicht mangelte, dass aber das Interesse der Bürger an der Welt hinter der Grenze immer noch sehr gering ist. Dies scheint sich vor allem auf die Jugendlichen zu beziehen, für die ein Besuch im Nachbarland nichts Exotisches mehr hat, die aber immer noch keine selbstverständlichen Kontakte pflegen. Dies zeigt einmal mehr die Umfrage, die ich im Rahmen meines literaturdidaktischen Habilitationsprojekts zum Thema ,Interregionalität. Literaturunterricht an der Grenze zum Elsass’ unter 15-jährigen Jugendlichen in der Südpfalz und im Nordelsass durchgeführt habe. Die Ergebnisse sind zunächst einmal ernüchternd, äußern sich Jugendliche doch skeptisch gegenüber Versuchen, eine grenzüberschreitende regionale Identität aufzubauen, und ziehen sich weiter auf Modelle von Nationalstaatlichkeit zurück, die die Grenze als Trennlinie zementieren.

Die Skepsis der Jugendlichen ist eine Herausforderung für die Schulen der Region: Nicht nur der Fremdsprachenunterricht, sondern alle Fächer müssen angeregt werden, so dass die Grenze in den Köpfen der zukünftigen Erwachsenen überwunden wird. Diesem interregionalen Unterricht ist dieses Buch gewidmet. Nach einem ersten Teil, der die historischen, linguistischen, regionalkundlichen und bildungspolitischen Hintergründe erläutert, fasse ich zunächst die Ergebnisse einer Umfrage zusammen. Am Beispiel von 16 verschiedenen Fächern und Lerngebieten wird dann gezeigt, welche Initiativen es schon heute in der Südpfalz gibt – von mathématiques sans frontières über Versuche von lectures croisées bis hin zu grenzüberschreitenden Zeitzeugenbefragungen. Dabei beschränke ich mich auf die Sekundarstufen. Ein besonderer Akzent wird auf den muttersprachlichen Literaturunterricht gelegt. Bei einigen Fächern waren mir KollegInnen aus Schulen der Südpfalz behilflich. Nicht alles wurde dabei erfasst und vieles, was in der Praxis über Jahre ausprobiert wurde, ist immer noch nicht dokumentiert. Diese Veröffentlichung soll ein erster Schritt dazu sein, good practice-Modelle interregionalen Unterrichts bekanntzumachen. Diese kön­nen oft auch als Vorbild für grenzüberschreitende Unterrichtsplanung in anderen Regionen gesehen werden; gerade an der deutsch-polnischen oder der deutsch-niederländischen Grenze finden sich ähnliche Ansätze.